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Das nächste Thema – wieder von den Holzbläsern dominiert – repräsentiert abermals den Hirten, der seine Herde mit seiner Melodie zusammen hält. Der Alt und der Bariton nehmen diese Melodie auf in einem Wechselgesang mit den männlichen Stimmen des Chores. ‘Exaudi orationem meam, ad te omnis caro veniet’ (‚Erhöre mein Gebet, zu dir wird alles Fleisch kommen‘). Dann nimmt der Chor das Motiv in einem Wechselgesang auf. Im zweiten Abschnitt rezitieren Alt, Tenor und Chor abwechselnd das ‘Requiem’ und ‘Kyrie eleison’, begleitet von den Blechbläsern und Streichern. Es ist nicht als Gebet angedacht, sondern als fast anspruchsvoller Anruf, der in einem flehenden ‘Herr erbarme dich’ endet.
Obwohl dieser Abschnitt als ein Gebet von den Lebenden für die Toten bestimmt ist, habe ich es in einer zweideutigen Weise behandelt. Zunächst ist es ein gesungenes Gebet für die Toten. Die Alt-, Bariton- und Tenor-Soli und die Antworten aus dem Chor stellen die Gebete der Lebenden dar. Der Schäfer mit seiner Flöte symbolisiert den Herrn. Im zweiten Abschnitt stellen die Solostimmen die Lebenden dar, während der Chor die Rolle der Opfer spielt. Die Lebenden beten für Frieden und Barmherzigkeit für die Toten, während die Opfer dies für sich selbst erbeten, was schließlich in einem kollektiven Aufschrei endet.
Wie viele Schreie hallten durch die Gebäude und Baracken von Auschwitz? Unzählige Schreie des Schmerzes und der Verzweiflung. Unzählige Schreie um Gnade und Erlösung. Wie oft suchten die Menschen Zuflucht in einem tröstlichen Gebet? Ein Gebet für Frieden und Erbarmen. Oder suchten sie Trost bei einem Geistlichen der ungeachtet seiner religiösen Überzeugung unter ihnen weilte.
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